Seite 112 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

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it feiner Selbstironie bezeichnet Franz Beckenbauer die ge-
mütliche, mit rustikalem Kamin beheizte Bauernstube als
meinen Kaisersaal“. Hier, bei seinem Freund Balthasar
Hauser, dem Stanglwirt aus der Tiroler Gemeinde Going, fühlt er
sich wohl. Ein paar Steinwürfe entfernt liegt sein eigener, gewaltiger
Bauernhof, der zu Oberndorf, einer Anliegergemeinde von Kitzbühel,
gehört. Beckenbauer hat dort nicht nur gewaltigen Einfluss, sondern
auch Stimmrecht bei Gemeinderatswahlen. Wir treffen uns wieder ein-
mal beim Stanglwirt, dessen rustikal-mondänes Ambiente er überaus
schätzt. Seit fast 40 Jahren begleite ich als freundschaftlicher, aber
kritischer Journalist den Mann, den sie in Deutschland voller Ehrfurcht
Lichtgestalt“ nennen.
Oft hat er mir seine innersten Gedanken offenbart. Über das Leben
danach („Vielleicht komme ich als Blume wieder“), über die Schwan-
gerschaft („Wie gern wäre ich mal Frau, diese weiblichen neun Monate
zu erleben“) oder über seine Mutter Antonie („Sie war die gütigste
Frau, die ich kenne“).
Franz bestellt zwei Weißbiere. Wir haben einen herrlichen Spazier-
gang am Fuße des Wilden Kaisers hinter uns. Nun möchte ich wissen,
was Österreich – außer der Steuer natürlich – für einen Mann wie ihn
denn so lebenswert macht, dass er es zum Mittelpunkt seiner privaten
und geschäftlichen Interessen gemacht hat.
Sofort glänzen seine Augen. Schwärmerisch, so als gelte es, seine
erste große Liebe zu beschreiben, legt er los: „Vor mehr als 40 Jahren
habe ich mich spontan in diese göttliche Tiroler Gegend verliebt. Mein
erster, bis heute immer stärker gewordener Eindruck war: So stelle ich
mir Glück vor. Die Österreicher, besonders die Tiroler, sind freund-
licher als die Deutschen. Man geht nicht aneinander vorbei, grüßt sich.
Wenn du einen Deutschen grüßt, greift er sofort an seine Brieftasche,
weil er glaubt, du willst was von ihm.“
Franz, man nennt dich Kaiser, Lichtgestalt, und für
viele bist du eine Art lebendes Denkmal, das alle
mal gern streicheln wollen. Nerven diese Men-
schen nicht?
Streicheln muss wirklich nicht sein. Aber hämische oder gar bösartige
und gehässige Kommentare habe ich eigentlich noch nie gehört. Ich
glaube halt, wenn du den Leuten charmant und offen gegenübertrittst,
werden sie dir auch charmant und offen begegnen.
Was macht Boris Becker falsch, der geradezu dra-
matisch in der Gunst der Deutschen abstürzt?
Über Boris, dem jungen Helden, mit dem wir gelitten und gejubelt ha-
ben, sind plötzlich so unheimlich viele Dinge zusammengestürzt, dass
er die erst einmal selbst verkraften muss. Das erfordert beträchtliche
Nehmerqualitäten. Boris ist ein exzellenter Kämpfer. K.o. geht er nicht.
Kannst du dem Freund helfen?
Boris benötigt jetzt Leute, die sich nicht an ihn heranwanzen, sondern
solche, an denen er sich orientieren kann. Wie es früher einmal Ion
Tiriac war oder auch sein 1997 verstorbener Manager und väterlicher
Freund Axel Meyer-Wölden.
Oder einen wie dich ...
Und wo soll ich die Zeit hernehmen?
Beckenbauer
beim Stanglwirt: Mit
Balthasar Hauser und
Küchenchef Ritzer, …
Wladimir Klitschko und
Ex-Hoteldirektor Stocker …
und seiner
Frau Heidi.
Das Magazin zum Jubiläum