Seite 113 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

Oder hast du wenigstens einen Rat für ihn?
Hör mehr in dich rein, Boris. Hör auf dich. Alles ist in dir drin.
Das reicht?
Ich werde Boris ein Buch schenken, meine augenblickliche Nachtkäst-
chenlektüre, geschrieben vom Inder Juddu Krishnamurti. Es heißt
Einbruch in die Freiheit“. Auch du solltest dieses Büchlein lesen.
Was soll es mir bringen?
Krishnamurti lehrt, das eigene Leben und die Umwelt täglich als etwas
Neues, Unbekanntes zu erleben und so sich neuen Dimensionen der
Schönheit und Fülle zu offenbaren.
Es ist erstaunlich, mit welcher Gelassenheit sich Beckenbauer, der sei-
ne einfache Herkunft nie vergessen hat, ohne mit ihr je zu kokettieren,
in der Welt der Philosophie bewegt. Vielleicht ist es aber auch eine
neue Art Menschwerdung, die ihn umtreibt, geprägt von seinen welt-
weiten Reisen als der neben Pélè wohl berühmteste Ex-Fußballstar.
Alle scheinen ihn zu lieben. „Ich befinde mich im Herbst meines Le-
bens“, erzählte er mir vor nicht allzu langer Zeit beim Stanglwirt, „was
ich erlebt habe, reicht bei anderen für vier Leben.
Früher war ich ein Heißsporn. Spurten meine Mitspieler nicht, wäre
ich denen am liebsten an die Gurgel gegangen. Heute halte ich es mit
Laotse: Andere zu erkennen ist weise. Sich selbst zu erkennen ist
Erleuchtung.“
Franz, der Erleuchtete?
Schmarrn. Ich bin täglich damit beschäftigt, mich zu finden, meinen
Kindern Joel und Francesca das Wertvollste zu schenken, was man als
Vater geben kann, nämlich Zeit. Das Leuchten in ihren Augen bestärkt
mich in meinem Schaffen.
Selbst wenn ich noch so tief in der Nacht heimkomme, frühstücke ich
mit ihnen. Und wenn Joel eine bockige Phase hat, erkenne ich mich
in ihm wieder. Ich war als Bub genauso. Das ist ja wichtig für die Per-
sönlichkeitsentwicklung. Francesca indes kann mich um den Finger
wickeln, wenn sie mir mit Schleifchen im Haar und triumphierendem
Blick den Ball zurückkickt.
»
Früher war ich ein Heißsporn.
Heute halte ich es mit Laotse:
Andere zu erkennen ist weise,
sich selbst zu erkennen ist
Erleuchtung.«
Franz Beckenbauer
mit Maria Hauser
.
Heidi, die Mutter deiner Kinder ...
...
ist eine Supermutter. Ich bin eher der staunende Betrachter.
Vor drei Jahren, kurz vor dem Fußball-Sommermärchen, fragte ich
einen Kickergott: Wie ist das, wenn man für seine Fans eine Art Hei-
liger ist? „Alles, was ich bin, verdanke ich Gott. Ich gebe meinen Fans
etwas zurück. Ich kenne viele Filmstars, berühmte Musiker oder Sport-
ler, die kalt und abweisend sind zu denen, die sie groß gemacht haben.
Ich spreche mit allen, gebe bereitwillig Autogramme, versuche, Vorbild
zu sein. Aber ich bin auch nur ein Mensch.“ Der so sprach, hieß nicht
Beckenbauer, sondern Pélè. Bei Beckenbauer hört sich das ähnlich
an: „Natürlich weiß ich, was ich den Fans verdanke. Also gebe ich ih-
nen zurück. Mein Job war von jeher, alles mit Leidenschaft und hun-
dertprozentiger Hingabe zu machen, meine Bestimmung, von Gott
gelehrt, ist Dienen.“ Glaubst du an Treue bis zum Tod? Beckenbauer:
Ich kann treu sein zu meinem Glauben, zu meinem Friseur, meiner
Frau gegenüber und den Kindern. Treue bedeutet, sich ohne Wenn
und Aber zu jemandem bekennen und immer für ihn da zu sein.“
Worte, in Stein gemeißelt. Ob er Narrenfreiheit genieße, wollte ich
einmal von ihm wissen, weil er sagen kann, was er will – und das nicht
nur auf den Sportseiten der Zeitungen. Franz guckte mich erstaunt an:
Ich bin absolut kein oberflächlicher Mensch. Ich bin im Sternzeichen
der Jungfrau geboren. Man sagt uns nach, dass wir scharf analysieren
können, deswegen sind meine Aussagen durchaus ernst gemeint.“
Und darum teilweise extrem gefürchtet. Als er öffentlich Bayerns
Superstar Franck Ribéry attackierte, pfiff ihn Manager Uli Hoeneß
prompt zurück. Doch postwendend kam Schützenhilfe von Dietmar
Hopp. Der SAP-Gründer und Milliardär sprang seinem Kumpel Franz
sofort zur Seite: „Ich fand toll, dass er in Sachen Ribéry Klartext ge-
sprochen hat. Schade, dass die Bayern-Offiziellen ihm in den Rücken
gefallen sind. Allerdings: Sein Wort hat Gewicht.“
Beim Golfen an der Côte d’Azur, wo Hopp zwei 18-Loch-Golfplätze
besitzt, erzählte er mir, was er an Beckenbauer so schätzt: „Seine Ge-
lassenheit, seinen Charme, seine Direktheit.“ Die beiden Freunde un-
terhielten sich dann über ihre Eltern. Ein bemerkenswerter Dialog:
Hopp: „Meine Mutter, die es geschafft hat, vier Kinder aufs Gymnasium
zu schicken. Das monatliche Schulgeld war extrem hoch. Mein Vater
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