Seite 114 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

war nazibelastet. Er wurde arbeitslos. Dank Mutters positiver Sturheit
und ihres Improvisationsgeschicks machten wir Kinder alle Abitur.“
Beckenbauer: „Dankbar bin ich in erster Linie meinen Erzeugern,
denn ohne Eltern würde es mich nicht geben. Ich danke dem lieben
Gott, dass er mir in München eine wunderbare Mutter zugeteilt hat
und nicht in Bangladesch.“
Hochzeit auf der „Kaiserwiese“
Franz Beckenbauer“, erzählt Balthasar Hauser, „verkörpert die Philo-
sophie als Gast unseres Hauses in ganz besonderer Weise. Er ist
gleichzeitig Kaiser und Mann des Volkes. Franz ist seit Jahrzehnten
Stammgast bei dem traditionellen Sängertreffen im Stanglwirt. Er lädt
dazu meist seine befreundeten Bauern aus der Nachbarschaft seines
Bauernhofes ein. Seine glanzvolle Hochzeit mit seiner Heidi fand stil-
gerecht auf der „Kaiserwiese“ vor dem Biohotel Stanglwirt statt. Eine
aufregende Szene spielte sich kurz vor der Fußball-WM im Stanglwirt-
Kuhstall ab. Für ein deutsches Fernsehteam sollte Franz Beckenbauer
eine Kuh melken, die allerdings mit ihrem rechten Hinterhuf den
Melkeimer in die Luft torpedierte. Franz gab jedoch nicht auf und
streichelte so lange Bauch und Rücken der Kuh, bis diese sich ent-
spannte und das Melken zuließ.“ Eine Szene, die an Franz von Assisi
erinnert, der nicht nur Kühe besänftigte, sondern auch zu Vögeln
predigte.
Bei meinem letzten ausführlichen Gespräch mit Franz in Going im
Frühjahr 2009, wollte ich von Franz wissen, ob es für ihn nicht lang-
weilig sei, dass fast kein Mensch ihn hasst, weil die meisten ihn lieben.
Franz sagte: „Ich brauche keinen Hass, weder empfangend noch von
mir ausströmend. Ich predige keine Nächstenliebe, wünsche mir aber,
dass die Menschen höflich, freundlich und respektvoll miteinander um-
gehen. Das kostet nichts und wir hätten weniger Probleme weltweit.“
Kaiser. Lichtgestalt. Fußball-Gott.
Größter Libero aller Zeiten – nur ein
paar Superlative und jeder weiß: Aha,
Franz Beckenbauer. Die Fakten: Auf-
gewachsen im Münchner Arbeiterviertel Giesing, wo er am 11. Sep-
tember 1945 als Sohn des Postobersekretärs Franz Beckenbauer
und seiner Frau Antonie geboren wurde. Mit 13 kam das „Jahrhun-
derttalent“ zum FC Bayern. Schnell begann seine atemberaubende
Karriere. 103 Länderspiele, Weltmeister (1974) als Spieler und 1990
als Trainer. Sein größter Verdienst: 2006 holte er mit Duzfreund Ger-
hard Schröder die Fußball-WM nach Deutschland. Ein Sommermär-
chen. Mit seiner dritten Frau Heidi und seinen beiden Kindern lebt
der Kosmopolit in Salzburg und Kitzbühel.
Kaiser“ Franz
Beckenbauer
Deutscher
Fußball-Papst
Schön gesagt: Respektierst du deinen Banker?
Diese Anlagenhaie, die gewissenlos kleine Leute abgezockt haben,
finde ich abstoßend.
Hat es dich auch erwischt?
Ich habe mir in über vierzig Jahren alles hart erarbeitet, keiner hat mir
was geschenkt. Natürlich habe auch ich eine Menge verloren, aber
nicht meinen Optimismus. Ich warte auf bessere Zeiten. Die werden
mit Sicherheit kommen.
Also sprach Konfuzius ...
Einen Fehler begangen haben und ihn nicht korrigieren: Erst das ist
der Fehler.
Es scheint, dass du nicht allzu viele Fehler in dei-
nem Leben gemacht hast. „Lichtgestalt“ nennt
man dich, Kaiser, auch Liebling der Götter.
Muss wohl so sein, dass der Himmel mich mag. So wie mein Leben
verlaufen ist – besser geht es nicht mehr. Fußball: Schüler, Jugend,
Profi, dann Trainer, Funktionärslaufbahn als Präsident, FIFA, UEFA.
Beschweren kann ich mich wirklich nicht.
Aber wenn du heute Spieler wärst, würdest du
zweistellige Millionengagen verdienen.
Zu meiner Zeit waren wir noch Sportler: Heute sind das alles Popstars.
Die armen Kerle verdienen zwar Unsummen, aber du hast doch kein
Leben mehr. Alles öffentlich. Dass Beckham ein Spice Girl zur Frau
hat, nützt ihm nichts, wenn er auf dem Platz steht. Da gibt's kein Play-
back. Fußball ist live, ohne Maske. Aber tauschen möchte ich nicht mit
den Kickern von heute.
Wär’ auch schade! Viel lieber mischt sich Franz Beckenbauer ein,
wenn ihm etwas nicht passt. Man kann nicht sagen, dass er altersmilde
geworden wäre. Er meldet sich zu Wort, wohlwissend, dass er gehört
wird. Bei unserem letzten Dämmerschoppen im Stanglwirt fragte ich
ihn, ob Fußball politisch etwas bewirken könne.
Er sagte: „Ich halte Fußball für ein wesentliches Element der Völkerver-
bindung. Selbst wenn zwischen zwei Ländern Streit oder Krieg
herrscht, ruhen die Waffen bei einem Spiel. Dadurch bekommt Fußball
eine soziale Verpflichtung. Rasend macht mich darum die dreiste
Bemerkung des Schriftstellers Martin Walser, der sagte: ,Sinnloser
als Fußball ist nur noch eines: Nachdenken über Fußball.‘ Fußball hat
Kraft, lieber Herr Walser, er verbindet die Völker.“ Dafür wird er sich
persönlich einsetzen: nicht nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010
in Südafrika.
»
Ich wünsche mir, dass die
Menschen höflich, freundlich
und respektvoll miteinander
umgehen. Dann hätten wir
weniger Probleme weltweit.«
© corbis, Paul Dahan, Archiv Stanglwirt
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400
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