Seite 15 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

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er den Stanglwirt betritt, bewegt sich auf geschichtsträch-
tigem Boden. Und wer verstehen will, warum Hotel und
Gasthof heute der Inbegriff luxuriöser Gemütlichkeit auf Tiro-
ler Art sind, muss eine Reise zu den Anfängen des „Wirtes auf der Prama“
unternehmen – zurück ins 16. Jahrhundert, in eine Zeit, in der Kitzbühel
erst wenige Jahrzehnte zuvor von Bayern zu Tirol gekommen war.
Der Traum der drei Bauern
Es muss wohl ein ähnlich lauer Herbstbeginn wie heuer gewesen sein,
als drei Bauern am 29. September 1539 ein Kirchweihfest in der
Nachbarschaft besuchten. Das Trio dürfte kräftig gefeiert und den
Durst nicht nur mit Wasser gestillt haben, jedenfalls übermannte sie
am Heimweg über das Bichlach die Müdigkeit. Im Schatten eines
Kirschbaumes beim Bauerngut Röhrerbühel hielten sie Rast, kurz dar-
auf waren sie eingeschlafen – und hatten alle drei denselben Traum.
Ein Bergmännlein erschien ihnen, dessen weißer Bart bis in den Bo-
den hineinreichte, wo Silber und Kupfer strahlten. Dann erblühte das
Erz, ließ Blätter und Früchte des Baumes, unter dem sie schliefen, „im
Lichte eines Karfunkelsteines silbern und goldig erstrahlen“, so Albert
Nöh in seiner Arbeit über den Bergbau am Röhrerbichl. Die Bauern
erwachten, erzählten sich gegenseitig von ihren identischen Träumen
und begannen sofort zu graben. Schon nach wenigen Minuten glänzte
das edle Erz unter ihren Fingern.
Abenteurer aus der ganzen Welt
Die Kunde vom üppigen Fund sprach sich schnell herum. Ein wahrer
Goldrausch setzte ein, der Röhrerbühel wurde zum Ziel von Abenteur-
ern aus der ganzen Welt. Szenen, wie sie sich Jahrhunderte später am
Yukon in Alaska und in Kalifornien wiederholen sollten. 1541 waren
am Röhrerbühel schon 711 Gruben in Betrieb, in späteren Jahren
stieg diese Zahl sogar auf über 1.000. Die technische Leistung, die
von den Knappen vollbracht wurde, beeindruckt noch heute: Der Da-
nielschacht wurde auf 855 Meter vorangetrieben, der Heilig-Geist-
Schacht sogar auf 886 Meter – ein Weltrekord, der erst mehr als 300
Jahre später, im Jahr 1872, überboten werden sollte. Die Grabungen
lohnten: Die Minen waren so ergiebig, dass zumindest in den ersten
Jahrzehnten im Schnitt 2.000 Kilo Silber und über 400.000 Kilo Kup-
fer gefördert wurden. Ohne Maschinen, ohne technisches Hilfsgerät,
nur mit Kübeln, Seilen und Zugtieren. Immer enger rückten die einzel-
nen Gruben aneinander, Hunderte Knappen verloren ihr Leben durch
Stolleneinstürze, ständig gab es Streit, wenn zwei Grabungen aneinan-
derstießen.
Mehr als 2.000 Bergleute hatte der Silber- und Kupferrausch am
Röhrerbühel innerhalb kürzester Zeit angezogen. Viel zu viele, als dass
sie in dem damals zwar reichen, aber kleinen Städtchen Kitzbühel un-
tergekommen wären. Also wies ihnen der größte Landbesitzer, die
Obrigkeit, Grundstücke zu. Auf der Prama sollten die Bergleute woh-
nen, eine Gegend am Hang zum Wilden Kaiser, die nach den dort wild
wuchernden Brombeersträuchern benannt worden war. 24 mal 24
Schritte groß waren die Parzellen, also 18 Meter in der Länge,
18
Meter in der Breite. Groß genug für ein kleines Knappenhäuschen
manche davon stehen noch heute – und einen kleinen Garten zur
Selbstversorgung .
Ein Wirtshaus auf der Prama
Einer dieser Bergleute, die auf der Prama angesiedelt wurden, war
Wolfgang Widmer. Er hatte Glück: Sein Grundstück hatte gleich meh-
rere Vorzüge. Es lag nicht allzu weit vom Röhrerbühel entfernt, war
sogar äußerst verkehrsgünstig nahe jener Stelle, wo sich die Straße
von St. Johann Richtung Inntal mit dem Weg zwischen Röhrerbühel
und Knappensiedlung kreuzte. Das Wichtigste aber war: Widmer hatte
»
Die Kunde vom Silberfund am
Röhrerbühel sprach sich schnell
herum. Abenteurer aus der
ganzen Welt kamen nach Tirol
und suchten ihr Glück.«
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