Seite 27 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

beim Stangl als Kellnerin arbeitete, bildeten sie ein Gesangstrio, das
durch seinen einzigartigen Dreiklang und durch die Harmonie der
Stimmen beeindruckte und als „Stangl-Trio“ im ganzen Land bekannt
wurde. Das junge Glück war vollkommen, als im November 1944 ein
Töchterlein auf die Welt kam, das auf den Namen Maria getauft wur-
de, und sich nicht ganz zwei Jahre später, im August 1946, der er-
sehnte Stammhalter einstellte, Balthasar, der heutige Stanglwirt. Lois
war zu seiner Anna ins Stanglwirtshaus gezogen, aber er blieb nach
wie vor Jungbauer auf dem Ebnerhof. „Eben“ und der Stangl wurden
miteinander bewirtschaftet, Lois war für alles verantwortlich.
Die Landwirtschaft bleibt Fixpunkt
Die Kompetenzverteilung, hier die Frau, zuständig für die Gastrono-
mie, dort der Mann als Bauer im Betrieb, gemeinsame Betreuung und
Unterhaltung der Gäste, all das hat maßgeblich dazu beigetragen, um
aus dem Stanglwirt ein weitum bekanntes Gasthaus zu machen. Zu
keinem Zeitpunkt stand zur Debatte, die Landwirtschaft ganz aus dem
Gasthof zu verdrängen. „Von der Landwirtschaft würden wir über-
haupt niemals abgehen, die ist doch die Keimzelle!“, meinte Anna
Hauser, „und solang's Vieh im Stall steht und wir Äcker hinterm Haus
haben, kann uns auch die Vorstellung von schlechteren Zeiten nicht
schrecken.“ Mit dem Vorsatz „Bei mir sollen sich alle wohl fühlen“
brachte die junge Wirtin das Gasthaus in Schwung. Anna hatte jeder-
zeit „a Liadl“ bereit oder sie stimmte einen Jodler an, da sie wusste,
dass viele Gäste wegen des Gesangs zu ihr kamen. Das ab 1949 jähr-
lich zweimal abgehaltene Sängertreffen machte das Wirtshaus endgül-
tig bekannt im ganzen Alpenraum.
Das gut gehende Geschäft zwang die Stanglwirtin zur Expansion. Das
Problem war aber ein Fenster in den Kuhstall, das durch die Umbauten
von der Gaststube aus sichtbar wurde. Lois, der Stanglwirt, hatte die
glänzende Idee, den Blick in den Kuhstall als Touristenattraktion beste-
hen zu lassen – und setzte das Vorhaben zum Entsetzen der Archi-
tekten auch in die Tat um. Das Stallfenster beim Stanglwirt wurde ein
Markenartikel mit unglaublicher Werbewirksamkeit. So etwas hatte es
noch nie gegeben, dass Kühe den Gästen beim Essen zuschauen.
Ein Novum: Ganztägig warme Küche
Ende der 50er-Jahre gab es schon einige Fremdenzimmer im Stangl-
wirt-Zubau, heimelige Bauernstuben mit Fließwasser und dicken Fe-
derbetten. „Ein Frühstücksraum muss geschaffen werden“, regte die
Wirtin an, und so entstand im oberen Stockwerk über dem Speisesaal
ein gemütliches „Stübei“. Nach dem Abriss der alten Rehm lagerten
hinter dem Hof Stapel alter Holzbalken, über Jahrhunderte gebeizt
von Sonne, Wind und Wetter. Lois, der Bauer und Handwerker beim
Stangl, ließ nichts verkommen und verwendete das alte Holz zum Aus-
bau. Ausgestattet mit gesundem Sparsinn, schnitt er die alten „Tram“
in der Mitte auseinander, so waren beide Seiten gleich zu verwenden.
Das „Stübei“ strahlte so viel Wärme und Gemütlichkeit aus, dass es
bald zum bevorzugten Partyraum geschlossener Gesellschaften wurde,
in dem übrigens nie ein Frühstück serviert wurde.
Das war typisch für Anna Hauser. Sie reagierte blitzschnell auf Situati-
onen und münzte sie in geschäftliche Vorteile um. Als während der
Bauarbeiten der Standseilbahn in St. Johann viele Arbeiter außerhalb
der normalen Essenszeiten auf eine Brotzeit zum Stangl kamen, brach-
te sie auf einer Anschlagstafel an der Straße ein Plakat an: „Ganztägig
warme Küche“. Für diese Zeit ein Novum. Damit erreichte sie ein
neues Klientel, den organisierten Reiseverkehr, der für die Zwischen-
saisonen wichtig war und viele Gäste brachte.
Traditionsgemäß unterstützte sie die Kirche. 1961 war sie Mitinitiato-
rin bei der Gründung der Goinger Schützenkompanie, sie machte Vor-
schläge für die Anlage von Spazierwegen, war bei der Gründung der
Bergliftgesellschaft dabei und förderte die Bergsteigerei und den Win-
tersport. Es ist kaum mehr bekannt, dass sich die Stanglwirtin auch mit
Erfolg um die hohe Wirtschaftspolitik bemüht hat. Die zentrale Lage
und das beliebte Haus waren oft Mittelpunkt und Treffpunkt von Kom-
missionen und Kongressen.
Prominente Gäste
Beim Stangl waren alle gleich, die Armen und die Reichen. Und das
gefiel vielleicht sogar den Reichen am meisten. Eventuelle Stalldüfte
störten die Herrschaften hier keineswegs, ja wurden sogar als ange-
nehme Landluft empfunden und gehörten zum Stanglwirtserlebnis.
Die Seele des Ganzen war Anna Hauser. Sie fand für alle ihre Gäste
die richtige Sprache, ob da nun der Stardirigent von Karajan eintraf,
der besonders fasziniert war von den Tiroler Naturstimmen, oder der
Herr von Opel, der sich als richtiger Volksmusikexperte entpuppte.
Prominenz war man gewöhnt beim Stangl. Prinz Bernhard der Nie-
derlande und Kronprinzessin Beatrix waren zu Gast, Bundeskanzler
Julius Raab, der deutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, die per-
sische Exkaiserin Soraya, Bing Crosby, Hollywood-Star Clark Gable
und viele andere. Schlittenfahrten zum Stangl in den Wintermonaten
wurden zum beeindruckenden Erlebnis. Das einfache Bauerngasthaus
musste nun auch den Ansprüchen einer gehobenen Gesellschaft ge-
recht werden. Also wurde eine neue Küche angeschafft, ausgestattet
mit modernsten Geräten.
Aber nun traten Probleme auf, mit denen Anna nie gerechnet hatte.
Der Umbau der Küche kostete am Ende viel mehr als angenommen. Zu
allem Überfluss interessierte sich auch noch die Steuerbehörde für die
Geschäftsgebarung der Stanglwirtin. Vielleicht hätte sie sich früher
schon um kompetente Hilfe umsehen müssen. Die Gewitterwolken, die
über ihrem Stanglwirtshof aufgezogen waren, beeinflussten ihr Gemüt
und schlugen sich auf ihre Gesundheit nieder. Im Juni 1964, ein paar
Tage vor der Sonnenwende, fühlte sie sich nicht wohl und klagte über
Schmerzen. Als sich ihr Zustand radikal verschlechterte, wurde Anna
mit der Rettung nach Innsbruck gebracht, in das Sanatorium an der
Kettenbrücke. Kurz nach elf Uhr erreichte die Angehörigen die Hiobs-
»
Solang's Vieh im Stall steht und
wir Äcker hinterm Haus haben,
kann uns auch die Vorstellung
von schlechteren Zeiten nicht
schrecken.«
© Paul Dahan, Archiv Stanglwirt
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