Seite 28 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

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Das Magazin zum Jubiläum
botschaft mit der Aufforderung, schnell nach Innsbruck zu kommen,
die Mutter läge im Sterben. Lois und seine geschockten Kinder kamen
zu spät. Anna Hauser starb im Alter von erst 49 Jahren am 21. Juni
1964,
als am Wilden Kaiser die letzten Sonnwendfeuer erloschen.
Der Schock
Der Tod von Anna Hauser kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel,
niemand konnte sich das Stanglwirtshaus ohne seine berühmte Wirtin
vorstellen. So wurde auch ihr Begräbnis das größte, das Going je ge-
sehen hatte.
Balthasar Hauser, der noch minderjährige Sohn, der lieber Landwirt
werden wollte, erbte die Gastwirtschaft. In die Trauer um den Tod der
Mutter mischte sich eine unglaubliche Herausforderung: Nach dem
Umbau und dem Finanzstrafverfahren lasteten für die damalige Zeit
erhebliche Schulden auf dem Anwesen, die Konten der Mutter waren
bis zur Klärung aller Nachfolgeregelungen gesperrt, Vater Lois hatte
von der Gastwirtschaft keine Ahnung und auch kein Interesse daran.
Der Kampf ums Überleben
Die erste, die das Ruder in die Hand nahm, war Maria, die ältere
Schwester. Sie hatte schon in der Gastwirtschaft mitgeholfen, kannte
die Abläufe. Heute noch denkt sie mit großer Dankbarkeit an die vie-
len Menschen zurück, die ihr damals die Weiterführung des Stangl-
Gasthofs – der auch jetzt keinen Tag geschlossen hatte – überhaupt
ermöglichten. Geld war knapp. „Sogar den Strom hätte man uns fast
abgezwickt“, erinnert sie sich. 1966 übernahm ihr Bruder Balthasar
Balthasar III. Hauser mit seiner Ehefrau Magdalena.
den Stanglwirt. Er war eben mit der Gastgewerbe-Schule fertig gewor-
den – und erlebte gleich den nächsten Schicksalsschlag. Seine Schwes-
ter Maria heiratete nach Kärnten. Balthasar, noch keine 20 Jahre alt,
stand ohne Geld und ohne Unterstützung da – und brachte den Stangl-
wirt zur größten Blüte in seiner 400-jährigen Geschichte. „Ich habe im
richtigen Moment kein Geld gehabt“, räsoniert er heute.
1968
begann er mit dem Bau des heutigen Stammhauses. Ohne Ar-
chitekten, ohne teures Baumaterial. Das Holz für den Bau stammte
aus Abfällen aus der Nachbarschaft, die Bauern in der Umgebung hal-
fen bei den Arbeiten. Nur ein auf Kredit gekaufter Traktor stand zur
Verfügung, jedes Stück Holz, jeder einzelne Ziegel wurde händisch bis
in den zweiten Stock geschleppt. Der neue „Altbau“ war als Hotel
geplant, hatte 40 Betten und einfache Zimmer mit einem schönen
Blick auf den Wilden Kaiser. Gedacht war es für Vertreter und Durch-
reisende: So wie die Stanglwirtsleut’ den Fuhrwerkern Obdach gege-
ben hatten, so sollte auch jetzt niemand in die Nacht geschickt werden
müssen. Auch sonst blieb Balthasar III. der Tradition der Stanglwirte
treu. Er half in der Landwirtschaft, der Gasthof kannte keine Sperr-
tage, die Musik war fester Bestandteil des Hauses. Das Hotel blieb
Nebenschauplatz: Rezeption gab es keine, die Schlüssel wurden auf
Begehr im Gasthof ausgehändigt.
Den Stanglwirt aufgeben?
Endlich beruhigten sich die finanziellen Turbulenzen und der Stanglwirt
ging daran, neue Vorhaben umzusetzen. Erst verwandelte er die be-
liebte Trinkstube im ersten Stock in die heutige „Stanglalm“, 1970
investierte er in Tennisplätze. Über der Straße, im Schatten des Waldes
und gekühlt vom vorbeirauschenden Bächlein wurden drei Spielfelder
geschaffen. Eine große Investition, die sechs Jahre später „den Bach
runterging“. Ein verheerendes Hochwasser riss die komplette Anlage
weg. Hauser war verzweifelt, dachte erstmals ans Aufgeben, ließ sich
aber doch nicht unterkriegen. Er baute neue Tennisplätze: Noch schö-
ner, noch besser, diesmal im Hochwasser-sicheren Bereich. Sogar In-
door-Hallen kamen dazu. Der Stanglwirt packte eine Gelegenheit beim
Schopf: Kneissl war damals auf der Suche nach einer Tennishalle mit
internationalen Standards. Hauser baute zwei Hallen in den Hang,
sodass auf dem Dach des Tenniszentrums weiterhin die Schafe grasen
konnten, erntete dafür internationale Anerkennung – und gewann das
riesige Kufsteiner Unternehmen als Kooperationspartner. Jetzt setzte
ein regelrechter Boom ein. Das Hotel war ständig zu klein, der Stangl-
wirt kam mit den Ausbauten kaum mehr nach. Auch als Kneissl in
wirtschaftliche Turbulenzen geriet und die Zusammenarbeit aufkündig-
te, blieb Balthasar Hauser seinem Konzept treu. Eine goldrichtige Ent-
»
Balthasar Hauser, der noch
minderjährige Sohn, der lieber
Landwirt werden wollte, erbte die
Gastwirtschaft. Eine unglaubliche
Herausforderung.«
Stanglwirt
Die Hausers
400
Jahre