Seite 30 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

scheidung: Während nach dem Zusammenbruch des Tennisbooms
überall Hallen und Plätze schlossen, war der Stanglwirt als Tennishotel
mit allen Annehmlichkeiten und internationalen Top-Trainern zur ers-
ten Adresse für die Freunde des weißen Sports geworden.
Spaß statt Rechenstift
Auch wenn der Stanglwirt als sehr entschlossen und durchsetzungs-
freudig gilt – eine Tatsache, die manchen Baumeister vor große Her-
ausforderungen gestellt hat –, guten Ideen gegenüber war er immer
aufgeschlossen. Auch, als in den Siebzigern ein Oberkellner zwölfgän-
gige Galadiners für die Gäste veranstaltete. Hauser ließ ihn gewähren.
Mit dem Rechenstift hätt’ ich mir das nie anschauen dürfen“, sagt er
heute, „aber die Gäste haben eine Freude gehabt.“ Die war so groß,
dass Gourmets beim Stanglwirt einkehrten – und das Hotel füllten, als
Tennis kein Grund für eine Urlaubsbuchung mehr war.
Den größten Coup landete Balthasar Hauser freilich mit dem Bau des
Biohotels. Lange bevor „öko“ zum Trendwort wurde, die Klimakatas-
trophe auch Politker das Fürchten lehrte und Passivhäuser in Mode
kamen, war Balthasar Hauser wieder einmal mit dem Fahrrad unter-
wegs. Schon seit langer Zeit sinnierte er, was man am eigentlich bes-
ten Platz seines Grundstücks bauen könnte. Dort, wo der Misthaufen
thronte, war die Straße weit entfernt, auch die benachbarte Sägemüh-
le störte nicht: „Dann bin ich über irgendetwas drübergefahren, es hat
einen Rumpler gemacht, mich hat’s durchg’schüttelt – und auf einmal
hatte ich die Idee: Wir bauen ein Biohotel.“
Ein gewaltiges Vorhaben, für das es in ganz Europa noch kein Beispiel
gab. Es war die Zeit, als man mit Beton riesige Bauten schuf, Fenster-
rahmen aus Aluminium und Kunststoff fertigte und auch Asbest als
Feuerschutz noch hoch im Kurs stand. Hauser setzte stattdessen auf
Kalkmörtel, Holz und Tonziegel.
Der Bau wurde zum Nervenkrieg. Immer wieder gab es Verzöge-
rungen, die angeheuerten Berater waren mit der Dimension des Pro-
jekts überfordert, immer mehr Besserwisser wollten Hauser beeinflus-
sen. „Am Ende wär das Ganze fast umg’fallen“, erzählt der Stanglwirt.
Er musste den teuren Rohbau komplett sanieren. In der größten Not
stieß er auf Karl Hermann Schwabe, einen Architekten aus Deutsch-
land, der im Ausseer-Land mit der Sanierung alter Substanz und biolo-
gischen Bauweisen für Furore sorgte. Schwabe half Hauser, das Bio-
hotel fertig zu stellen, wobei Hauser auch jetzt wieder einen guten
Riecher bewies. Er baute die Zimmer um ein Viertel größer als not-
wendig – nicht, weil er so reich war, sondern weil er wollte, dass sich
seine Gäste wohlfühlen. Mit ein Grund, warum der Stanglwirt aus Zu-
fallsgästen fast immer Stammgäste macht.
Europäischer Vorreiter
Obwohl Balthasar Hauser oft eine glückliche Hand bewies – leicht
hatte er es nicht. Sein Vater Lois blieb überzeugter Bauer. Ihm gefiel
zwar außerordentlich gut, was der Sohn aus dem Erbe machte – aber
er handelte nach seinem Motto: „Net gschumpfen is gnua globt.“
Auch bei den Bauprojekten gab es immer wieder Rückschläge. Als
Hauser aus der Not eine Tugend machte und zu Zeiten der zweiten
Ölkrise 1980 mit den Holzabfällen des benachbarten Sägewerks das
europaweit erste Biomasse-Kraftwerk für ein Hotel in Betrieb nahm,
erstickte Going fast in einer Rauchwolke. Die Lösung lag unter den
Hufen der Pferde: Die Holzschnitzel wurden in der Reithalle ausgelegt,
die Pferde zerkleinerten das Material und sorgten so für geringere
Rauchentwicklung.
Der Stanglwirt war zum gesellschaftlichen Fixpunkt geworden. Das
Biohotel, die lebendigen Traditionen, die Liebe zur Volksmusik und die
innovativen Ideen des Besitzers sorgten für ein volles Haus. Zur Legen-
de wurde Hauser allerdings, als er bei der österreichischen TV-Charity-
Auktion „Licht ins Dunkel“ den Lipizzaner-Hengst Pluto Verona um
eine Million Schilling (ca. 70.000,– EUR) ersteigerte. Plötzlich spra-
chen ganz Österreich und das benachbarte Ausland über den schlauen
Wirt aus Going, der aus einem jahrhundertealten Gasthof ein Luxus-
resort für höchste Ansprüche geschaffen hat und trotzdem nicht auf
seine bäuerlichen Wurzeln vergisst.
Längst war Hauser zum Vater geworden. Seine Frau lernte er auf
einem der traditionellen Sängertreffen kennen und lieben, bald schon
ehelichte er seine aus dem Bayerischen stammende Magdalena. Zu
seinem Sohn Richard gesellten sich noch Maria, Elisabeth und der
jüngste Sohn Johannes. Sie werden das Hotel eines Tages weiterfüh-
ren. Und sich immer an das Erfolgsgeheimnis ihres Vaters erinnern:
Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Ich war als kleiner Bub im
Stall und auf der Alm, bis der Tourismusaufschwung diese Welt fast
zerstört hat. Als Stanglwirt hatte ich die Möglichkeit, diese Wunderwelt
wieder aufzubauen.“ Balthasar Hauser hat es geschafft – und eine
Wunderwelt für sich und Tausende Stanglwirt-Fans geschaffen.
Richard, Maria, Elisabeth, Balthasar III., Magdalena und Johannes Hauser.
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Das Magazin zum Jubiläum
Maria Hauser und
Maria Sauper.