Seite 60 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

Das Kuhstallfenster ist längst zu einem Markenzeichen des Gasthofs Stanglwirt
geworden. Dabei wurde die geniale Idee eigentlich aus der Not heraus geboren.
S
chuld daran waren die Sänger: Die Mutter des heutigen
Stanglwirts, Anna Hauser, selbst begeisterte Sängerin, holte
die Volksmusik in den berühmten Gasthof. Diese „Sänger-
treffen“ genossen bald legendären Ruf – und so kam es, dass die Wirts-
stube bald zu klein für die rasch wachsende Veranstaltung wurde.
Also wurde ausgebaut. Das an der Westseite des Saales anschließende
Sagmehlschüpfei“ wurde aufgelassen und dem neuen Saal angeglie-
dert. Bei der Versetzung der Mauer an der Nordseite ergab sich aber
ein kleines Problem: Ein Fenster zum Kuhstall wurde dahinter sichtbar.
Der bekannte Architekt Albertini aus Wörgl, zuständig für die Neuge-
staltung des Speisesaales, wollte es schon zumauern lassen, aber Lois,
der Mann an der Seite von Anna Hauser, hatte die glänzende Idee, den
Blick in den Kuhstall als Touristenattraktion bestehen zu lassen, und
setzte sich gegen die Einwände des Architekten wegen der Geruchsbe-
lästigung, wegen Schwierigkeiten in der Abdichtung u. s.w vehement
durch. Der Saalumbau gelang bestens! Die bevorzugten Tische stan-
den nun etwas erhöht an der rechten Saalseite. Sie waren besonders
begehrt, weil man von hier aus nicht nur das bunte Treiben im Saal
überblicken, sondern auch – in entgegengesetzter Richtung – durch
kleine Fenster in den Stall schauen konnte, in dem Kühe und Kälber,
Schweine und Ferkel, unberührt von den oft sehr prominenten Gästen
nebenan, ihr friedliches Landleben führten. Das Stallfenster beim
Stanglwirt war von nun an ein Markenartikel mit unglaublicher Werbe-
wirksamkeit. So etwas hatte es noch nie gegeben, dass Kühe den
Gästen beim Essen zuschauen und umgekehrt die Kühe sich von den
Gästen nicht stören lassen.
Das Kuhstallfenster gibt es natürlich noch heute. Seit jeher inspiriert es
die Gäste zum Philosophieren. So schrieb der berühmte Verhaltens-
forscher Prof. Irenäus Eibl-Eibesfeldt einst ins Gästebuch: „Ich habe
beim Stanglwirt viel erwartet, aber nicht, dass ich hier einen Verhaltens-
forscher antreffe. Nämlich einenWirt, der genau weiß, dass Rindviecher
einander gerne betrachten.“
Durchblick schaffen
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Das Magazin zum Jubiläum
Kuhstallfenster
Stanglwirt
400
Jahre
© Paul Dahan