Seite 77 - Bio-Hotel Stanglwirt | Jubiläumsmagazin 400 Jahre

Kletterrouten, vielleicht gar das schwierigste Klettergebiet der Alpen.
Aber jetzt hat Sepp kein Auge dafür. „Natschur Watsch“, sagt er, „das
ischt schon mehr als über Felsen turnen oder dort droben den echten
Adler finden. Das ischt ... Also am besten: Du fliegst einfach ein Stück-
chen weit mit.“
Das Land für den zweiten Blick
Recht hat er, der Sepp. Schauen und sehen, im Überhang schwitzen
und die Berge spüren – das sind zweierlei Dinge. Schon gar in einem
Bundesland wie Tirol, das sich weniger weich bettet und streckt wie
der milde Osten Österreichs. Das sich lieber mit gezackten Bergrücken
und Spitzen ein bisschen quer legt. So gnadenlos vertikal, dass es auf
den ersten Blick verwundern mag, dass ausgerechnet der leicht rol-
lende Knödel hier kulinarisch Fuß fassen konnte. Aber verwundern
mag manches. Denn Tirol ist ein Land für den zweiten, dritten, den
zehnten Blick. Schroff und abweisend. Aber zugleich voll geheimnis-
voller Falten. Ein altes Antlitz mit versteinerten Zügen, in dessen Fält-
chen rare Pflanzen und Tiere ihre Nische gefunden haben: der seltene
Alpensalamander und das in zunehmend höhere Gebiete abgewan-
derte Auerhuhn. Hopfen-Hainbuche und der Fliegenragwurz, der In-
sekten in seine Blütenfalle lockt, sie nach der Bestäubung indessen
entkommen lässt.
Eigenwilliges hat das raue Bergklima im Laufe der Evolution erzeugt.
Sogar den kleinsten Baum der Welt, die Krautweide, die aus Schutz
vor der Kälte lieber unterirdisch wächst, nur ein kleines, grünes Zipfel-
chen aus dem Boden schauen lässt. Und Überlebenskünstler wie den
Gletscherhahnenfuss, der selbst in Höhen über 4.000 Meter noch
ganz gut zurechtkommt. Über 150 Blumenarten und Dutzende Sorten
Grünpflanzen wachsen allein auf der Tiroler Almwiese beim Mitteregg.
Eine solche Artenvielfalt würden viele in fernen Regenwäldern und auf
exotischen Inseln vermuten – aber nicht im Herz der Alpen. Manche
davon wurden erst in den Fünfzigerjahren von der Wissenschaft ent-
deckt, sorgten für kleine Sensationen: Bileks Azurjungfer, eine blaue
Libellenart, findet sich etwa nur im Lechtal, ganz im Nordwesten Tirols,
wo ein vorübergehend begradigter Wildfluss allmählich sein Tal zu-
rückerobert. Tatsächlich zählt das Flusstal im Außerfern zu den jünge-
ren Beispielen dafür, wie sich Tirol heute seines beeindruckenden
Naturerbes annimmt. Fliegenfischer, WWF-Aktivisten, die Spezialisten
der staatlichen Lawinen- und Wildbachverbauung zogen da an einem
Strang, als die bedrängten Auwälder zwischen Vils und Steeg in den
wildesten Nationalpark des Landes verwandelt wurden. Dass es sich
auch hier um ein schützenswertes Stück Urnatur handelt, erkennen
selbst Laien auf den ersten Blick: türkise Wasserfinger, die weiße Kies-
»
Der kleinste Baum der Welt,
die Krautweide, die aus Schutz
vor der Kälte lieber unterirdisch
wächst, reckt nur ein grünes
Zipfelchen aus der Erde.«
Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt sichern. Immer wieder blicken
wir tief durchs Swarovski-Glas, trinken mit den Augen. Schließlich kann
Nature Watch ja auch süchtig machen: Der Rausch der Natur, Ruf der
Wildnis, alpines Adrenalin – ein Dreiklang mit feinen Untertönen. Adler
und Steinbock sind da bloß ein krönender Abschluss.
Keine Frage: Der Sepp hat seine Hausaufgaben gemacht. Als Bub
sowieso, als ihm der Kaiser als privater Spielplatz zu Füssen lag, samt
dem weichen grünen Moos und dem spektakulären Wasserfall am
Fuße der Maukspitze, dessen bloßer Name bei Extremkletterern auto-
matisch den Adrenalinspiegel nach oben schnellen lässt. Der Schleier-
wasserfall, ein munterer Gebirgsbach, der aus der Mitte eines sechzig
Meter hohen Felsendoms heruntersprüht, sich ganz unten in einer
kleinen Gumpe sammelt – das ist die Via Dolorosa aller schweren
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Das Magazin zum Jubiläum
Stanglwirt
Tirol und Nature Watch
400
Jahre