Seite 15 - Bio-Hotel Stanglwirt:

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on unten sieht er ganz harmlos aus, der waldreiche Berg mit 
den breiten Wiesen am Fuß, dessen Grat an den Kamm eines 
Hahnes erinnert. Und doch ist er Schauplatz des spektaku-
lärsten, brutalsten und berühmtesten Skirennens der Welt: der Abfahrt 
auf der Streif. „I foa do net obi“, dachte sich der 19-jährige Franz 
Klammer, als er 1973 das erste Mal im Starthäuschen oben stand, „die 
müssen alle verrückt sein.“ Auch Vorjahressieger Didier Cuche über-
legte bei seiner Premiere, lieber doch die Gondel ins Tal zu nehmen. 
Aber ich dachte mir: das macht man nicht“, wird der Schweizer 
zitiert. Seinen Landsmann Bernhard Russi retteten nur die nachdrän-
genden Fahrer im engen Starthaus vor dem Kneifen. Schließlich 
haben sie sich doch alle hinausgewagt auf die Streif, die einzige Renn-
piste der Welt, die von oben bis unten durchgehend vereist ist.
Der Sprung ins Nichts
Zeit zum Überlegen bleibt dann sowieso keine mehr. Hat man sich aus 
dem Starthaus in 1.665 Meter Höhe erst einmal abgestoßen, geht es 
ums nackte Überleben. Auf dem Gefälle mit der 50%-Neigung kommt 
man wie ein Katapult-Geschoss auf Touren. In acht Sekunden erreicht 
man 130 km/h. Eine Beschleunigung, die nur wirklich gute Sport-
wagen schaffen. Dann erreicht man die Mausefalle, von vielen Renn-
läufern als das irrste Stück Piste der Welt bezeichnet. Das steilste ist 
es jedenfalls. 85 % beträgt die Neigung des Hanges, wer mit Tempo 
von oben kommt, verliert die Bodenhaftung, springt ins Nichts. In den 
Siebzigern landeten die Rennläufer erst 80 Meter weiter unten wieder 
auf dem Schnee. Viele Verletzungen später hat man die Stelle etwas 
entschärft, jetzt wird „nur“ mehr 60 Meter durch die Luft gesegelt 
– 
ungefähr so weit, wie die Reithalle beim Stanglwirt lang ist. Gefähr-
lich blieb die Mausefalle trotzdem. Hansi Hinterseer, die wohl jüngste 
Kitzbüheler Legende, die erst als Weltcupsieger und dann als Schla-
gersänger die Herzen vieler Tausender Fans eroberte, erzählt: „In den 
Neunziger-Jahren hat ein Trainer der USA seinen Jungs falsche Ab-
sprungtipps gegeben. Das gesamte Team landete irgendwo im Wald.“ 
Wer den Flug steht, hat keine Zeit zum Verschnaufen – sondern landet 
in der Kompression. Das Aus für alle, die nicht perfekt trainiert sind. 
Das irrwitzige Tempo, die plötzlich endende Steile des Hanges, der 
lange Sprung entfesseln gewaltige Kräfte. So starke, als müsste der 
Skifahrer kurzzeitig 1.200 Kilo mit den Oberschenkeln stemmen – das 
Gewicht eines Kompaktwagens. Trotzdem muss sofort ein Links-
schwung eingeleitet werden. Es geht ins Karussell, eine 180-Grad-
Drehung, dann über eine Linkskurve in den Steilhang, endlich ein 
Gleitstück. Jetzt beginnen auch bei den besten Athleten die Ober-
schenkel zu brennen. Auf Kurs bleiben, rein in die Alte Schneise, den 
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Auf dem Starthang mit der
50-
Prozent-Neigung kommt man
wie ein Katapult-Geschoss auf
Touren. In acht Sekunden
erreicht man 130 km/h.«
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Stanglwirt
20
Jahre Weißwurstparty
Die Party/Das Rennen