Seite 47 - Bio-Hotel Stanglwirt:

Claude Killy, der wohl erfolgreichste französische Skisportler aller Zei-
ten, bekam von Sailer den Tipp, „eine Woche vor dem Wettkampf mit
dem Training aufzuhören. Das ist mir sehr schwer gefallen. Aber ich
vertraute seinem Rat. Toni war ein Wegweiser, der größte Skifahrer
aller Zeiten.“ Tatsächlich dominierte Sailer Mitte der 50er-Jahre nach
Belieben. Im Jänner 1956 gewann er auf der Streif Abfahrt, Slalom
und Kombination, bei den Olympischen Winterspielen in Cortina
d’Ampezzo als erster Wintersportler überhaupt alle alpinen Bewerbe.
Die weiße Zipfelmütze, die er bei den Rennen trug, wurde zum Mar-
kenzeichen, zum gefürchteten Symbol der Sailerschen Überlegenheit.
Sein Vorsprung auf die Konkurrenz betrug zum Teil mehr als sechs
Sekunden! Aus dem erfolgreichen Rennläufer wurde eine Legende. Er
war genau das Symbol, das Österreich nach der Besatzungszeit
brauchte, die große Integrationsfigur. Vielfach wurde er ausgezeichnet:
Mehrmals als Sportler des Jahres, Bundespräsident Theodor Körner
heftete ihm das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik
Österreich an die Brust. Sailer blieb bescheiden: „Ich wüsste nicht,
worauf ich mir etwas einbilden soll“, lautete die Standardantwort,
wenn mancher Zeitgenosse seine Verwunderung über die Nahbarkeit
des Superstars ausdrückte.
Siegen nach Belieben
Sailer gewann weiter: Auf der Streif und am Ganslernhang in Kitzbü-
hel, am Lauberhorn, in Wengen, in Aspen, in Stowe, im Sun und im
Squaw Valley. 1958, bei der WM in Bad Gastein holte er dreimal Gold
und einmal Silber. Dann trat er zurück. Nur sieben Jahre, nachdem er
die ersten internationalen Rennen gewonnen hatte, war er zum erfolg-
reichsten Wintersportler aller Zeiten geworden.
O
ft war es noch gar nicht richtig hell, als der junge Bub aus
Kitzbühel in aller Herrgottsfrüh zum Stanglwirt angeradelt
kam. Beim Hotel stellte er seinen fahrbaren Untersatz ein,
dann lief er den Berg hinauf, den Wilden Kaiser, mit dem ihn eine ganz
besondere Liebe verband. Nach seiner Rückkehr vom Berg zog er sich
um, holte sein Rad und fuhr weiter – in seine Arbeit, die Glaserlehre.
Der spinnt, der Sailer-Bua“, sagten die Kitzbüheler, wenn sie den
einsamen Läufer in den dämmrigen Morgenstunden durch die Wälder
laufen sahen. Damals hielt man noch nicht viel von Training, körperli-
cher Ertüchtigung ohne tieferen Sinn. Schließlich war das Leben in der
Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg auch so hart genug.
Das Riesentalent
Doch Anton Engelbert Sailer, der 1935 geborene Sohn eines nach
Kitzbühel eingewanderten Glaser- und Spenglermeisters, machte sei-
ne Trainingsläufe nicht umsonst. Seit seinem zwölften Lebensjahr hat-
te er einen Traum: Er wollte Gold gewinnen, bei den Olympischen
Spielen, in den alpinen Skidisziplinen. Das Talent bekam er in die
Wiege gelegt: Sein Vater war ein begeisterter Skifahrer, schon mit
zwei Jahren stand der Toni erstmals auf den „Brettln“ – wenn auch
noch recht wackelig. Mit zehn Jahren fuhr er erste Rennen und deklas-
sierte seine Konkurrenz, die Mitschüler; mit zwölf wurde er Mitglied im
legendären Kitzbüheler Skiclub, der heute die Rennen auf der Streif
organisiert. Auch als Skispringer versuchte sich Toni Sailer, seine wah-
re Liebe galt aber den alpinen Bewerben. Und in diesen wurde er
schnell zur Legende: 1951, mit 16, gewann er die ersten bedeutenden
Wettkämpfe in Megève und Morzine. Dann ein Rückschlag: Ein
schwerer Sturz am Arlberg brach ihm Schien- und Wadenbein, die
Saison 1952/53 musste er pausieren. Auch die Weltmeisterschaft in
Are verpasste er noch, zu groß war der Trainingsrückstand. Aber der
Schwarze Blitz aus Kitz“ – so wurde Toni Sailer wegen seiner dunklen
Haarpracht genannt – zeigte schon auf.
Er gewann am Lauberhorn, düpierte die Konkurrenz mit mehr als vier
Sekunden Vorsprung. Ein Generationenwechsel zeichnet sich ab:
Anderl Molterer, fünf Jahre älter als Sailer, der mit seinen blonden
Haaren als „Weißer Kitz aus Blitz“ legendär wurde, landete am Lau-
berhorn hinter dem nachdrängenden Kollegen aus dem Kitzbüheler
Skiclub. Molterer, der mehr als 50 Rennen gewann, vier olympische
Medaillen errang und neunmal österreichischer Meister wurde, musste
seinen „Spezl“ ziehen lassen. Sailer war einfach zu stark – und durch
nichts mehr aufzuhalten. Er war der erste, der den Wert perfekten
Trainings erkannte, feilte sogar an seiner Atemtechnik, versuchte, Zu-
fall und Glück durch professionelle Vorbereitung auszuschalten. Jean-
»
Toni Sailer war der erste,
der den Wert perfekten Trainings
erkannte und versuchte, den
Zufall durch perfekte Vorbereitung
auszuschalten.«
© Archiv Stanglwirt, APA picturedesk.com
Der „Schwarze Blitz“ in voller Fahrt: Toni Sailer in den Fünfzigern
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