Seite 49 - Bio-Hotel Stanglwirt:

Krankheit umgegangen ist, war beeindruckend“, sagt ÖSV-Chef Peter
Schröcksnadel, der Sailers Erfolge mit dem ÖSV ab Mitte der Neunzi-
gerjahre wiederholte. Bis zuletzt behielt Sailer seinen Optimismus und
seine Lebensfreude, seine entwaffnende Ehrlichkeit und Anständig-
keit, seine Bescheidenheit, auch wenn er vor der Jahrtausendwende
noch zum „österreichischen Sportler des 20. Jahrhunderts“ gewählt
wurde. Ende August 2009 hat er den Kampf gegen seine Krankheit
verloren. Sein Begräbnis zeugte von seiner enormen Beliebtheit:
Sportgrößen, höchste politische und kirchliche Würdenträger, dazu
seine vielen Freunde harrten auch bei strömendem Regen aus, um sich
von ihrem Freund und Vorbild zu verabschieden. „Heute weint sogar
der Himmel“, sagte Bischof Iby, Karl Schranz war geschockt: „Er hin-
terlässt ein großes Vermächtnis. Toni hat dem Sport einen Schub ver-
liehen, der bis heute anhält.“
Das Gold-Quartett aus Kitz
Mit Sailer verstarb auch der erste aus der goldenen Kitzbüheler Skifah-
rer-Generation. Anderl Molterer baute nach seiner Karriere in den
USA ein Hotel auf, Ernst Hinterseer, Vater des berühmten Hansi,
blieb Kitzbühel treu. Vierter im Bunde war Hias Leitner, der heute
noch verschmitzt erzählt: „Wir haben alles gewonnen, was es zu ge-
winnen gab.“ Leitner war über viele Jahre Cheftrainer des Schüler-
und Jugendteams des Tiroler Skiverbandes TSV. Er entdeckte Leon-
hard Stock, Harti Weirather, Stephan Eberharter, Mario Matt, Manfred
Pranger, Pepi Strobl und viele andere. Benni Raich widmete seinen
Sieg am Lauberhorn 1999 seinem „ehemaligen Trainer Hias Leitner“.
Der geht heute noch Skifahren, am liebsten mit seinen alten „Spezln“
Ernst Hinterseer und Anderl Molterer. Gemütlich geht er es an; gefragt
nach dem Geheimnis seiner Rüstigkeit erklärte er der österreichischen
Presseagentur APA einmal: „Ich habe einen großen Teil meines
Lebens auf Gletschern verbracht. Die Kälte konserviert.“
Karl Schranz: Der Rebell
Das Quartett Sailer, Hinterseer, Leitner und Molterer machte Skifah-
ren zum österreichischen Nationalsport. Ab jetzt wurde mitgefiebert,
wenn sich Österreicher mit Rennläufern aus anderen Nationen im
Schnee maßen. Entweder vor dem Radio oder vor einem der damals
noch seltenen TV-Geräte in einer Gaststube. Bald schon bekamen sie
einen neuen Helden: Karl Schranz. Er war noch ein echter Allrounder,
der in allen Disziplinen antrat – und in allen Disziplinen siegte. Zwei-
mal triumphierte er bei der Abfahrt am Hahnenkamm. 1967 gewann
er den Slalomweltcup, 1969 Abfahrts-, Riesentorlauf- und Gesamt-
weltcup, 1970 Abfahrts- und Gesamtweltcup. Sechs Medaillen holte
er bei Weltmeisterschaften. Und trotzdem verfolgte ihn das Pech: Bei
der Heim-WM in Bad Gastein 1958 war er zwar schnellster, aber nur
als Vorläufer. Er war mit 19 Jahren noch zu jung für den Kader. 1960
verletzte er sich an einer Slalomstange in Kitzbühel schwer, der erste
Megaskandal dann bei den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble.
Schranz führte im olympischen Slalom nach dem ersten Durchgang,
während seines zweiten Laufes kreuzte ein Pistenarbeiter seinen Weg.
Schranz durfte noch mal starten, holte Bestzeit, wurde als Sieger beju-
belt. Dann folgte der Schock: Disqualifikation! Der Pistenarbeiter hätte
nicht gestört, sein zweiter Start sei unberechtigt gewesen. Vier Jahre
später der nächste Skandal. Weil er bei einem Fußballbenefizspiel ein
Leiberl mit Werbeaufdruck trug, wurde er kurz vor Beginn der Olym-
pischen Spiele ausgeschlossen – wegen Verstoßes gegen die Amateur-
regelung der FIS. Tatsächlich war der Ausschluss nur eine Strafe der
IOC-Oberen gegen den rebellischen Schranz, der sich recht ungeniert
über die weltfremden Sportfunktionäre äußerte. Diese doppelte Unge-
rechtigkeit war es, die aus dem erfolgreichen Sportler mit dem unbeug-
samen Willen einen Volkshelden machte. Als er deprimiert aus Japan
zurückkehrte und sich eigentlich möglichst schnell in „sein“ St. Anton
zurückziehen wollte, standen 20.000 Menschen am Flughafen in Wien
Spalier. Der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky lud ihn zum
Empfang, und als er vom Balkon des Kanzleramtes winkte, jubelten ihm
100.000
Menschen zu. Unvergessliche Szenen, ein Trost für die
Schmach von Sapporo. Diese hat Schranz heute längst verziehen, die
Entschuldigungen angenommen. Wenn er beim Stanglwirt sitzt, kann er
Balthasar Hauser übergibt jedes Jahr die erste Weißwurst an Karl Schranz.
Unschlagbare Ski-Helden: Karl Schranz und Toni Sailer.
»
Als er deprimiert aus Japan
zurückkehrte und sich in
St. Anton verkriechen wollte,
jubelten ihm 100.000 Menschen
am Wiener Heldenplatz zu.«
© Georges Schneider/First Look/picturedesk.com, Succo, Ralf/Action Press/picturedesk.com, HERBERT P. OCZERET / APA / picturedesk.com
49
Das Magazin zum Jubiläum
Stanglwirt
20
Jahre Weißwurstparty
Legenden