Seite 69 - Bio-Hotel Stanglwirt:

hinaus bekannte Kultur begründete und nährte? „Man kennt den Aus-
druck ‚Kirchturmpolitik‘: Damit meint man, dass die Leute nur bis zum 
Kirchturm im eigenen Dorf schauen und nicht über den Tellerrand 
hinaus, also kurzsichtig sind. Aber das Gegenteil davon ist weitsichtig: 
Wenn man die ganze Welt bereist und immer nur schaut, wie es die 
anderen machen, dann hat man plötzlich nur mehr das Ferne im Auge 
und sieht das Naheliegende nicht mehr.“
Landwirtschaft bleibt unverzichtbar
Und auf genau das Naheliegende hat sich Balthasar Hauser konzent-
riert. Auf den mächtigen Berg, den Wilden Kaiser, der so prachtvoll 
und majestätisch vor den Hotelfenstern in den Himmel ragt, den Hau-
ser Dutzende Male bestiegen hat – und von dem die Steine im einzig-
artigen Felsenbad des Stanglwirts stammen. Auf die Landwirtschaft, 
die schon seine Vorfahren betrieben haben und die trotz gut gehender 
Gastronomie immer zweites Standbein der Betreiberfamilien war. „So-
lange man Kühe im Stall stehen hat, braucht man keinen Hunger lei-
den“, erinnert sich Balthasar Hauser an eine Weisheit seiner Mutter. 
Die Landwirtschaft macht unabhängig von Konjunktur und Moden, 
von den Forderungen anderer. Die Hausers sind heute noch begeister-
te Landwirte, die ganze Familie hat das bäuerliche Grundhandwerk 
von der Pike auf gelernt: „Damit eine Verbindung zu Grund und Bo-
den besteht“, wie Hauser senior begründet.
Schwere Schicksalsschläge waren es, die Balthasar Hauser dazu zwan-
gen, die gehörten Weisheiten der Alten selbst auszuprobieren. Seine 
Mutter, die legendäre Stanglwirtin Anna Hauser, hatte den Gasthof zu 
einem blühenden Treffpunkt von Musikanten, Ortsansässigen und Be-
suchern aus der ganzen Welt gemacht. Herbert von Karajan war eben-
so Gast wie die persische Kaiserin Soraya, die niederländische Kron-
prinzessin Beatrix, sogar Hollywoodstar Clark Gable besuchte das 
mittlerweile bekannte Gasthaus in Going. Dann, zur Sommersonnen-
wende 1964, war plötzlich alles anders. Völlig unerwartet starb Anna 
Hauser, der noch minderjährige Sohn Balthasar, der sich viel mehr für 
den bäuerlichen Betrieb als das florierende Gasthaus interessierte, 
musste den „Stanglwirt“ übernehmen. Dazu kamen finanzielle Schwie-
rigkeiten: Anna Hauser hatte angesichts des immer brechend vollen 
Betriebes noch den Umbau der Küche beauftragt, der wesentlich mehr 
kostete, als ursprünglich geplant. Und: Auch die Steuerbehörde warf 
ein begehrliches Auge auf den Betrieb.
Zeit zum Trauern blieb kaum. Nach der Gastgewerbeschule war Baltha-
sar Hauser plötzlich Chef des traditionsreichen Gasthofes. Das Geld war 
knapp. Doch Hauser baute. Mit uraltem Holz, oft mit Baustoffen, die 
von den Nachbarn entsorgt wurden. So, wie er es gelernt hatte: Man 
»
Wenn man die ganze Welt be-
reist und nur schaut, wie es die
anderen machen, hat man nur
mehr das Ferne im Auge und
sieht das Naheliegende nicht.«
© Archiv Stanglwirt
Stanglwirtin Anna Hauser mit ihren Kindern Maria und Balthasar.
nimmt, was vorhanden ist. Deshalb gibt es heute beim Stanglwirt auch 
in den neueren Bauten Holzträger, die viele Jahrzehnte, wenn nicht gar 
Jahrhunderte alt sind. Davon gab es genug: Der Fremdenverkehr flo-
rierte, Tirol wurde von einem Bauboom erfasst. Doch das Alte war nicht 
gefragt. Riesige Kredite wurden aufgenommen, Unsummen in Neubau-
ten investiert. „Häuser ohne Seele“, wie Balthasar Hauser sagt.
Er nahm keine Kredite auf. Zum einen, weil er keine bekommen hätte, 
zum anderen, weil er von klein auf gelernt hatte, von Erspartem zu 
leben. „Nehmen, was da ist.“ Viele haben ihm das damals übel genom-
men: „Nur wer Kredite aufgenommen hat, galt als großer Geschäfts-
mann“, erinnert sich Hauser zurück. Für die Architektur sorgte der 
17.
Stanglwirt selber: „Nach einer Weile habe ich bemerkt, dass mir 
das liegt.“ Mit tatkräftiger Hilfe der Nachbarn wuchs das Haus: Per 
Hand wurden die Baustoffe transportiert, auf Bauchemie verzichtete 
man. Gleichzeitig blieb der Gasthof seinem seit Jahrhunderten gelten-
den Motto treu: Kein Schließtag. Und auch die Landwirtschaft wurde 
bewirtschaftet, sogar ausgebaut. Kaum blieben Erträge übrig, kaufte 
Hauser Gründe zurück, die einer seiner weniger begabten Vorfahren 
abgegeben hatte. Der Stanglwirt sollte weiter ein Refugium traditionel-
ler Tiroler Gastwirtschaft sein. So wie seit Jahrhunderten. 
Wo sich die Sänger treffen
Immer mehr besann sich Balthasar III. Hauser auf die lange Geschich-
te des Hauses, eines der ältesten Gasthöfe Europas, wenn nicht der 
ganzen Welt. Als begeisterter Musikant führte er die Tradition seiner 
Mutter fort und veranstaltete Sängertreffen. Geladen wurden nur Mu-
sikanten, die die „richtige“, also traditionelle und unverfälschte Volks-
musik spielten. „Das ist etwas ganz Besonderes“, schwärmt Hauser, 
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Das Magazin zum Jubiläum
Stanglwirt
20
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